Der Rote Hang
Der Rote Hang
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Ein Artikel von Fabian und Cornelius Lange
Wer den Roten Hang zum ersten Mal sieht, weiß sofort was gemeint ist. Kilometerlang läuft er als dunkelroter Abhang parallel zum Rhein. Der Höhenzug beginnt relativ unspektakulär und sanft im Hinterland, vollzieht eine Richtungsänderung und kommt dann so nah ans Rheinufer, dass zwischen Fluss und Weinberg nur ein schmaler Streifen übrig bleibt. An den steilsten Stellen, dort wo sich auch die Lage Niersteiner Hipping befindet, fällt diese ziegelrote Wand extrem steil ab - ein Ergebnis Jahrtausende langer Bearbeitung durch den Rheinstrom.
Auf der anderen Rheinseite ist es flach wie ein Pfannkuchen - der Rote Hang hat kein Pendant am anderen Ufer. Von oben hat man an klaren Tagen einen großartigen Blick in die weite Ebene und kann Darmstadt, die Skyline von Frankfurt und die Höhenzüge der Hessischen Bergstrasse erkennen.
Am Fuß des Roten Hangs liegt das Städtchen Nierstein in einem Taleinschnitt. Man blickt auf die Dächer, den barocken Kirchturm und leider auch auf den alles überragenden Betonturm einer Malzfabrik. Der Rote Hang ist für den Weinbau wie geschaffen. Es ist alles am rechten Platz. Ein mächtiger Abhang bietet den Reben eine optimale Exposition zur Sonne, ein großer Strom reguliert das Klima, ein einzigartiger Boden prägt das Aroma der Weine und die Rebsorte Riesling tranformiert diese idealen Voraussetzungen in einen Weinstiel.
Der Rote Hang ist ein zusammenhängender Höhenzug, aber die Erfahrung der Winzergenerationen hat im Laufe der Zeit dazu geführt, daß er in einzelne Lagen aufgeteilt worden ist, die über besondere Eigenschaften verfügen. Der Niersteiner Hipping hat sich dabei als eine der besten Parzellen herausgestellt. Der Höhenzug hat keine durchgängige, glatte Oberfläche, sondern viele Vorsprünge und Einschnitte, steile und flache Partien, Senken sowie Bereiche, die für den Weinbau ungeeignet sind: Nordlagen, schroffe Klippen und Mulden, die im Winter zu gefährlichen Frostnestern werden können, in denen sich die Kaltluft sammelt, weil sie nicht abfließen kann. Einige Hangpartien bieten den Reben bessere Wachstumsbedingungen als andere, doch auch innerhalb einer Parzelle sind diese nicht an jeder Stelle gleich. Im Hipping, dem Filetstück des Roten Hangs, fallen die Weine aus dem höheren Teil anders aus als unten. Oben in der Steillage besteht der Untergrund aus gewachsenem Fels mit einer dünnen Bodenauflage, die schnell austrocknet. Die Erosion durch Frost, Regen, Sonne und Wind, zersetzt den Rotschiefer-Fels, und trägt das zu Ton verwitterte Material permanant hangabwärts. Deshalb sind die Böden unten in der flacheren Satzlage tiefgründiger und können die Feuchtigkeit besser speichern. Wenn es regnet, kann die Arbeit im Weinberg schnell zu einer Rutschpartie werden.
Unter Schiefer stellt man sich ein schwarzblaues Gestein vor, das sich leicht spalten und zu Schultafeln und Dachschiefer verarbeiten lässt. Der blaue Schiefer prägt die Weine von Mosel, Saar und Ruwer und vom Mittelrhein. Er kommt aber auch and der Loire und an der Rhone vor. Der Rote Hang besteht aus einer anderen Schiefersorte, es ist ein 280 Millionen Jahre alter Rotschiefer. In ihm wurden die ältesten Insektenspuren Europas gefunden, die im Naturhistorischen Museum in Mainz zu sehen sind. Auf den Fundstücken kann man die Abdrücke der keinen Insektenfüsschen geau erkennen. Die rötliche Spielart des Schiefers zeichnet sich durch andere Eigenschaften aus als sein schwarzer Verwandter. Er ist erheblich weicher und verwittert schnell zu tonähnlicher Konsistenz. Diese Eigenschaft kommt dem Riesling besonders zu Gute.
"Als ich den Betrieb übernommen habe, bin ich im Lager auf ein paar alte Spätlesen von meinem Großvater gestoßen. Es waren Riesling aus den dreißiger Jahren, die mich total fasziniert haben. Die Zeit war nahezu spurlos über sie hinweggegangen, sie waren frisch und vital - sie lebten regelrecht. So etwas wollte ich auch machen." [sagt Walter Strub]. Früher war der Niersteiner weltberühmt, er wurde in die ganze Welt verkauft und zählte zu den teuersten Weinen überhaupt. Es waren hochwertige süße Weine mit einer großen Lebenserwartung - genau wie die von Walter Strubs Großvater. [Walter sagt:] "Ich mache nur Weine, die mir selber schmecken. Auch wenn der Trend immer noch in Richtung trocken geht weiß ich, das das wahre Potential des Hippings im restsüßen Bereich liegt." In besonders guten Jahren liest Walter Strub die Trauben aus der Satz- und Steillage getrennt, um zu zeigen wie deutlich das Terroir den Wein beeinflusst.
Walter Strub interpretiert die Lagen im Roten Hang mit großer stilistischer Sicherheit. Jund sind seine Rieslinge bereits eindrucksvoll, sie strotzen nur so vor Frucht und duften wie ein üppiger Sommerblumenstrauss. Gleichzeitig spürt man die Mineralität des roten Tonschiefers, der diese Weine nachhaltig prägt und zurecht berühmt gemacht hat. Immer sind es kraftvolle, verdichtete Weine, auch wenn sie nur 8 oder 10 Prozent Alkohol haben. Man spürt Ihre Viskosität, sie fliessen langsam. Es ist spannend die Rieslinge der einzelnen Lagen zu vergleichen, sie alle sind Ausdruck des Terroirs: Ölberg, Orbel, Pettenthal und Hipping. Richtig groß heraus kommen Strubs Spät. und Auslesen aus dem Hipping, wenn sie fünf bis zehn Jahre Flaschenreife hinter sich haben. Dann zieht sich die opulente Fruchtigkeit in den Hintergrund zurück und die Dominanz der Süße verschwindet. Erst im Alter werden sie zu echten Niersteinern, wenn das Gestein förmlich aus ihnen herausbricht und sie ihre Geschichte über einen längst vergangenen Sommer erzählen. In Amerika sind Walter Strubs Rieslinge gefeierte Stars. Sie finden sich auf den Weinkarten vieler angesehener Restaurants, denn sie sind eine wohltuend erfrischende Alternative zu den alkoholdominierten, trockenen Weißweinen Kalifornienes. Kein Wunder, dass Walter Strub einen Großteil seines Hippings nach Nordamerika exportiert.
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